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29.12.2011, 15:25 Uhr | Die RHEINPFALZ, Publikation: Speyerer Rundschau, S. 21, Do. 29.12.2011 Übersicht | Drucken
Rheinpfalz-Interview mit Günter Walburg vom 29.12.2011
zu seiner Sicht der Energiepolitik

Die Macht der Bilder
Grosse Themen, kleine Welt (1): Weitermachen unmöglich. Günter Walburg, seit den 1970er Jahren CDU-Mitglied, sieht den Kurswechsel seiner Partei in Sachen Atompolitik angesichts der Katastrophe im japanischen Fukushima als alternativlos an: „Wenn man diese Bilder gesehen hat, konnte man nicht zur Tagesordnung übergehen.”

Von Kathrin Schnurrer


RÖMERBERG. Von seinem Haus in Mechtersheim aus hat Günter Walburg (70) den Blick auf die Energieversorgung der Zukunft und der zukünftigen Vergangenheit: Er sieht sechs Windräder und einen der beiden Kühltürme des Kernkraftwerks Philippsburg.

Ein Problem war die Nähe zum Kraftwerk für ihn nie, sagt Walburg, im benachbarten Heiligenstein aufgewachsen: „Wir haben keine Bedenken gehabt, weil wir der Meinung waren, dass es sicher ist. Wir haben uns immer sicher gefühlt.” Sonst hätten er und seine Frau, eine Chemikerin, doch nicht 1986 in Mechtersheim gebaut. „Man hat immer gesagt: ,Wir brauchen die Kernkraft, damit die Versorgung mit Strom gesichert ist'”, berichtet Walburg. „Ich habe mich darauf verlassen, dass das so ist.”

Deswegen habe er auch kein Problem gesehen, als der Bundestag mit den Stimmen von CDU, CSU und FDP die Laufzeiten für Kraftwerke im Herbst 2010 verlängert hat und damit den Ausstiegsbeschluss der rot-grünen Vorgängerregierung aufgehoben hatte. „Es war ja überschaubar”, sagt Walburg. Es handelte sich damals um eine Verlängerung um durchschnittlich zwölf Jahre.

Am 11. März brachen über die Ostküste Japans Erdbeben und Tsunami herein, in deren Folge in Reaktoren im Atomkraftwerk Fukushima die Kernschmelze eintrat. Die Menschen in der Umgebung wurden evakuiert, radioaktive Stoffe wurden in großen Mengen freigesetzt.

„Unter dem Eindruck der schrecklichen und chaotischen Bilder von Fukushima konnte man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen”, betont CDU-Mann Walburg. Er versteht, dass die Bundesregierung in Sachen Atompolitik eine Wende vollziehen musste. Es wäre zwar sinnvoller gewesen, das Votum auf eine breite Basis zu stellen, findet er - aber Bundeskanzlerin und Physikerin Angela Merkel habe schnell handeln müssen: „Jetzt wochen- und monatelang Regionalkonferenzen einzuberufen, wäre schwierig gewesen”, sagt er. „Wenn ich mit solchen Bildern konfrontiert werde, setze ich mich nicht hin und sage: ,Ich bin Parteimitglied, ich will gefragt werden.' Weil ich im tiefsten Inneren gerührt bin und das nachvollziehen kann.”

Das letzte deutsche Atomkraftwerk wird nun nach dem neuen Gesetz, das der Bundestag im Sommer gut 100 Tage nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima beschlossen hat, 2022 abgeschaltet. Die acht nach einem Moratorium im Frühjahr stillgelegten Reaktoren sind schon vom Netz genommen. Dass die Republik nicht untergeht und der Strom weiterfließt, obwohl diese Kraftwerke abgeschaltet sind? „Das wundert mich schon. Es hat immer geheißen: ,Wir brauchen die'”, sagt der pensionierte Schulleiter. Er sei davon ausgegangen, dass das auch stimme. Ihm sei wichtig, dass der Strom nicht irgendwann aus unsicheren Anlagen im Ausland eingekauft werden muss. Jetzt im Nachhinein wundert es Günter Walburg etwas, dass es in den 1970er und 1980er Jahren keine Proteste gegen den Bau der Kraftwerke im baden-württembergischen Philippsburg gegeben hat, Block 1 ist 1979 ans Netz gegangen, Block 2 fünf Jahre später. Aber andererseits sei Atomstrom damals breiter Konsens gewesen, die Ölkrise Anfang der 1970er, die Hoffnung, dass in der Kernfusion noch ein großer Durchbruch kommt - all das habe diese Jahre geprägt. Selbst Tschernobyl, sagt der Mechtersheimer, habe daran nichts geändert: „Wir haben das weniger auf uns bezogen”. Schließlich war es ein anderer Reaktortyp, der 1986 in der Sowjetunion explodierte.

Musste man im Jahr 2011 die Kraftwerke in Deutschland abschalten? Sie sind doch nicht unsicherer geworden, weil in Japan die Erde gebebt hat? „Vor dieser Frage habe ich mich gefürchtet”, sagt Walburg. Findet aber eine Antwort auf die Frage nach seiner Haltung, wenn Fukushima nicht passiert wäre: „Mit längeren Laufzeiten von den sicheren, neueren Kraftwerken hätte ich leben können.” Trotzdem sei er froh, dass der Philippsburger Block 1 seit dem Frühjahr vom Netz ist.

Mitte Dezember hat der Gemeinderat Römerberg - wie viele andere Räte rund um Philippsburg auch - eine Resolution verabschiedet, Günter Walburg hat sie im Rat vorgelesen. Die Forderung: Kein fremder Atommüll im Zwischenlager Philippsburg. Dass die Kernkraftwerke abgeschaltet werden, ist das eine. Die große Frage aber, wo die Brennelemente in Zukunft gelagert werden sollen, ist weiterhin unbeantwortet.

Quelle:
Verlag: DIE RHEINPFALZ
Publikation: Speyerer Rundschau
Ausgabe: Nr.302
Datum: Donnerstag, den 29. Dezember 2011
Seite: Nr.21


aktualisiert von Mathias Müller, 29.12.2011, 15:34 Uhr


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